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Selbst wenn wir das mediale Pathosgewitter beiseite lassen: Der Tod Robert Enkes bewegt uns. Ein toller Fußballer ist gestorben, ein Sympathieträger, eine bemitleidenswerte Gestalt, ein Held. Und natürlich: ein Torwart. Unser Torwart. Mehr noch als der Mann selbst ist es das Amt, mit dem er verbunden ist, das uns bewegt. Mit ihm wollten wir nächstes Jahr Weltmeister werden. Nun dies.
Wenn sich ein Mensch selbst tötet, ruft das sofort Fragen auf: Warum? Wer trägt Schuld? Gab es keinen anderen Ausweg? Wir, die wir nicht zur Familie, zum Freundeskreis, zur behandelnden Ärzteschaft gehören, wissen darüber so gut wie nichts. Dennoch suchen wir im Einzelfall das Muster zu erkennen.
Robert Enke selbst lenkt unser Denken posthum in eine Richtung: Er habe, so berichtet seine Witwe, sein Seelenleiden aus Angst um seine Karriere und das Sorgerecht für seine Adoptivtochter vor der Öffentlichkeit verborgen. Wir interpretieren: In einem oft chauvinistischen Hochleistungssystem ist Schwäche tödlich. Wer seine Unvollkommenheit offenbart, hat schon verloren.
Da steckt viel Wahrheit drin. Das Stigma, welches insbesondere psychische Erkrankungen einem Menschen verpassen, lässt Betroffene oft nicht mehr auf die Beine kommen. Ärzte weisen zwar darauf hin, Medikamente könnten Depressionen so wirkungsvoll dämpfen, dass der Erkrankte arbeitsfähig ist. Doch welcher Chef glaubt das schon? Da schweigt man lieber. Ein Kommentator schrieb deshalb: "Dieser Tod sollte eine Mahnung sein, dass unsere Leistungs- und Erfolgsgesellschaft eine durchaus kalte Gesellschaft sein kann, die Menschen dazu treibt, sich für ihre Schwächen und Krankheiten zu schämen."
Das stimmt – und erklärt doch so wenig. Denn ist es denn bewiesen, das Fußball-Deutschland Robert Enke hätte fallen lassen, wäre bekannt geworden, dass er unter Depressionen litt? Zugegeben: Enke starb, bevor ein Leistungsabfall eintrat, den die Krankheit mit sich bringt. Noch hatte er niemanden enttäuscht, keinen Trainer, keine Fans. Weshalb Trauer und Anerkennung groß und ehrlich sind, als ginge es um einen tragischen Autounfall.
Bei Sebastian Deisler war das anders. Jedoch muss man dem FC Bayern, Ikone unserer fußballerischen Hochleistungs-Ellenbogengesellschaft, gerade in diesem Fall zurechnen, dass der Verein viel in seinen kranken Spieler investierte – nachdem dessen Leiden bekannt geworden war. Dass er heute nicht mehr dort spielt, ist der Depression geschuldet, nicht dem Unwillen des Vereins. Wäre es in Hannover oder bei der Nationalmannschaft so anders gewesen?
Doch selbst wenn unsere Fußball-Welt weniger perfekt, unsere Gesellschaft ehrlicher im Umgang mit den Schwächen ihrer Mitglieder wäre: Einen Depressiven hielte es nicht davon ab, Hand an sich zu legen. Die Depression ist wegen ihres extremen Leidensdrucks die Krankheit mit dem höchsten Selbsttötungsrisiko. Ihr Wesen ist, dass der Kranke sich seelisch nur noch um sich selbst dreht. Zuspruch nimmt er nicht mehr wahr.
Natürlich bringt sich nicht jeder Depressive gleich um; mancher würde sich wohl auch früher auf eine hilfreiche Therapie einlassen, müsste er keine gesellschaftlichen Nachteile fürchten. Robert Enke aber ließ sich schon seit vielen Jahren behandeln und tötete sich schließlich doch. Sein Tod kann deshalb Anlass sein, darüber nachzudenken, wie wir miteinander leben und wie wir mit unseren Kranken umgehen sollten. Die Bösartigkeit der Krankheit aber schafft das nicht aus der Welt.
Zeit.de